Advokatur Dr. Stefan Suter

Recht und Gerechtigkeit

Die Sehnsucht nach der Krise

Die Sehnsucht nach der Krise

von Stefan Suter

Innert weniger Tage ist alles ganz anders geworden. Diskutierte man bis vor Kurzem noch, ob selbst kleine Einschränkungen der Versammlungs- und persönlichen Freiheit zulässig sein sollen, sind nun plötzlich alle Verbote möglich. Schulen, Restaurants und alle Geschäfte sind geschlossen. Es gilt sogar ein Versammlungsverbot. Das Militär wurde aufgeboten mit der grössten Mobilmachung seit 1945. Ein Mitglied des schweizerischen Bundesrates sprach sogar von Krieg, obwohl ein solcher weit und breit nicht erkennbar ist.

Diese Corona-Krise war nicht direkt vorhersehbar. Seit Jahren zeichnet sich indessen in den westlichen Gesellschaften geradezu eine Sehnsucht nach einer grösseren Krise ab. Die Diskussion um das Klima, aber auch schon frühere «Bedrohungen» wie die Schweine- und Vogelgrippe gingen mit einer Weltuntergangsstimmung einher, die kaum zu erklären ist. Noch nie lebte die Menschheit, jedenfalls in Europa, in grösserem Wohlstand als in diesem Tagen. Für breite soziale Schichten gehören nicht nur eine Riesenauswahl an Speisen, sondern auch Flugreisen ins Ausland zum Alltag. Ergänzt wird das Ganze durch längere Aufenthalte in Australien, Südamerika oder Asien. Je grösser der Wohlstand wurde, desto stärker hinterfragte man diesen. Nicht aber etwa um auf den Wohlstand zu verzichten, sondern eine innere Ablehnung machte sich breit, widersprüchlich verbunden mit der Angst, das hohe Wohlstandsniveau zu verlieren. Genau diese beiden Ansichten haben sich durchgesetzt, im Einklang natürlich mit einer begründeten Angst vor einer viralen Ansteckung. Anders ist es nicht zu erklären, dass die Bevölkerung praktisch uni sono diese einschneidenden Massnahmen im Alltag mit allen wirtschaftlichen und persönlichen Folgen hinnimmt, mitunter sogar noch stärkere Massnahmen wie eine Ausgangssperre verlangt. Freilich kann man entgegnen, dass im Gegensatz zu den vorangegangenen Jahren nun eine echte Gesundheitsbedrohung bestehe. Nur trifft dies, wenn man den Fachleuten Glauben schenkt – für jüngere Menschen und Personen ohne Vorerkrankung gerade nicht zu. Angetrieben wird die Spirale auch durch Regierungen, welche Geschäfte und Betriebe schliessen und im Widerspruch dazu verkünden, es bestehe kein Anlass zur Panik.

Die Sehnsucht nach der Krise ist auch darin begründet, dass man seit 1945, also mindestens    2-3 Generationen keine wirkliche Krise mehr erlebt hat. Und somit das Durchspielen eines Krisenszenarios ganz offenbar auch Gefallen findet. Es ist eine neue Herausforderung, sich in der Schweiz ähnlich fühlen zu können, wie während des Zweiten Weltkrieges, als alle Grenzen geschlossen wurden. Natürlich immer im Wissen, dass das Ganze dann am Schluss doch nicht so schlimm wie ein richtiger Krieg ausgehen wird. Die Bundesrätinnen und Bundesräte beschwören die Bevölkerung in einer als «historischen Stunde» hochstilisierten Konferenz, die Anordnungen einzuhalten und man müsse auch in deiner Krise zusammenstehen. Niemand darf sich entziehen.

Das ist eine weitere Schlussfolgerung aus den Entwicklungen der vergangenen Tage. Jegliche Opposition, sei sie noch so klein, wird  im Keim erstickt. Wer sich wagt, einen einzelnen Skilift fern jegliches Ansteckungsrisikos nicht abzustellen, wird als Egoist abgetan. Die Geschichte kennt viele solcher Rigorismen. Zum Beispiel wollten Bilderstürmer in früheren Jahrhunderten überhaupt alle Bilder verbrennen, selbst die, die gar nicht dem angefochtenen Dogma entsprachen.

In der Ära Mc Carthy in den USA wurden Leute als Kommunisten gejagt, obwohl sie mit Marx und Lenin überhaupt nichts zu tun hatten. Übertreibungen finden dann statt, wenn die Gesellschaft ohne nennenswerte Opposition, oder diese unterdrückend, vorgeblich hehre Ziele verfolgt und niemand auch nur ansatzweise Einhalt gebieten darf. An diesem Punkt sind wir heute leider auch in der Schweiz angekommen.

Sind die Krisentage dereinst vorbei, fragt man sich, wie es so weit hat kommen können und warum niemand Einspruch gegen die massiven Einschränkungen erhoben hat. Im Moment aber stimmen alle politischen Parteien den Verboten zu. Wer sich mit den Massnahmen des Bundesrats und der Regierungsräte nicht einverstanden erklärt, setzt sich dem Verdacht aus, Menschenleben zu gefährden, obwohl im Ernst niemand gegen die Bekämpfung des Corona-Virus ist. Man wird mit einigem Abstand sehr wohl wieder hinterfragen dürfen, ob die totale Grenzabriegelung und das Abstellen von Skiliften und dem Verbot Langlaufloipen zu benützen, wirklich sinnvoll war. Viel gravierender sind die wirtschaftlichen Folgen, gerade für Kleinstbetriebe und ihre Angestellten.

Der Umgang mit «Egoisten» die angeblich die Volksgesundheit verletzen, treibt seltsame Blüten. Während bis anhin der Besuch eines Fitnessstudios fast Pflicht war, da man ansonsten aufgrund fehlender Sportlichkeit finanziell die Allgemeinheit bzw. Krankenkassen belaste, wurden nun auch diese Fitnessstudios geschlossen. Auch Rheumapatienten können kein Thermalbad besuchen. Es geht offensichtlich darum, das Gegenteil der Spassgesellschaft jetzt durchzuexerzieren und jeglicher Anschein von privatem Vergnügen muss unterbunden werden. So werden Massnahmen verordnet, die weit übers Ziel hinausgehen und mit einer Krankheitsbekämpfung wenig zu tun haben, bzw. andere Krankheiten fördern. Verschleiernd ist auch die Rede von «social distancing». In Wirklichkeit handelt es sich um ein unsoziales Distanzhalten zu Mitmenschen. Der andere Mensch wird zum potentiellen Feind erklärt, der mich anstecken kann. Die Folge sind Isolation und Depression. Niemand darf mir zu nahe kommen, denn von jeder anderen Person geht ein Risiko aus.

Bedenklich ist auch die absolute Fokussierung auf Corona-Erkrankungen. Es ist zu befürchten, dass Menschen, die an einer anderen Krankheit leiden, nicht gebührend behandelt werden. Die Regierung und die Gesellschaft haben die Priorität auf das Corona-Virus gesetzt.

Die Regierungen stützen sich auf die Fachmeinungen der Epidemiologen und Virologen. Diese haben natürlich recht. Mit totaler Abschottung kann man die Übertragung der Viren bekämpfen. Recht hat aber auch ein Botaniker, der in einem Eisenbahnschotter ein seltenes Pflänzchen entdeckt und deswegen die Eisenbahn stilllegen möchte. In beiden Fällen dürfen die Verantwortlichen der Regierung sich nicht nur auf die einen Experten verlassen, sondern weitsichtig auch die Wirtschaft und die persönliche weitere Gesundheit der Bevölkerung beachten. Es ist absehbar, dass die totale Isolation andere Erkrankungen fördert.

Die Sehnsucht nach der Krise wird wieder abebben, man wird vielleicht stolz sein, eine weitere (negative) Event-Erfahrung gemacht zu haben. Wie bei allen Rigorismen der Geschichte wird man sich nachher fragen, wie es so weit hat kommen können und ob in Zeiten der Krise etwas Augenmass nicht besser gewesen wäre.

Basel, 18.03.2020
dr.st.suter@bluewin.ch